Die Leichtigkeit des Steins

Die Leichtigkeit des Steins

Wolfgang Schlieker bei der Arbeit.

Wolfgang Schlieker bei der Arbeit.

RN-Foto Gabi Regener

CASTROP-RAUXEL. Wolfgang Schlieker bringt Steine zum Schweben und zum Schwingen. Schwerelos wirken die Granite, aufgefädelt auf ein 23 Meter langes Edelstahlband, das sich dreht und windet, zum Himmel hoch und wieder der Erde zu. Ein leichter Wind reicht aus, die rund 300 Kilogramm schwere Skulptur leicht schwingen zu lassen.
"Cosmos" heißt das Werk mit den sieben Granitsteinen, das derzeit in der Schliekerschen Werkstatt entsteht. Der Sockel für die rund viereinhalb Meter hohe Skulptur steht bereits auf der Wiese vor dem Hallenbad an der Bahnhofstraße.
Dort wird das Kunstwerk, wie die sieben Bäume, an die Sternenkinder erinnern. Der Vorstand des Vereins Sternenkinder Vest, Auftraggeber für die Gedächtnisskulptur, war von Schliekers Entwurf sofort begeistert.
Mit den sieben Granitsteinen greift Wolfgang Schlieker die Symbolik auf, die der Verein gewählt hat, um an seine verstorbenen Kinder zu erinnern. Steht die "7" doch für die Weltwunder, die Tage der Woche, die Tugenden, die Sakramente und die Gaben des Heiligen Geistes.

Unverkennbar in Herzform gebracht

Die sieben Granite sind so unterschiedlich, wie es die Kinder waren. "Sicher findet jeder für sich ,seinen Stein", sagt Schlieker, streicht dabei über einen, den er unverkennbar in Herzform gebracht hat. Andere erinnern an eine Träne, an ein Samenkorn die schlichte, angedeutete Formgebung lässt ausreichend Platz für Interpretation.
"Mich fasziniert die Leichtigkeit des Steins", erklärt Wolfgang Schlieker mit einem Augenzwinkern ob des Wortspiels mit dem Titel des bekannten Romans von Milan Kundera (Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins).
Es ist schwere Arbeit, diese Leichtigkeit zu erschaffen. Mit einem elektrischen Stockmeißel wird das harte Gestein in Form gebracht, nachdem die Stücke aus einem Granitblock gebrochen worden sind. Dem Vierkant-Edelstahlband rückt Schlieker mit Schweißgeräten und Flex zu Leibe, dass die Funken fliegen. Die endgültige Form ist schon gut zu erkennen. Sieben schwebende Steine schaffen eine Verbindung zwischen Erde und All, wie die Seelen der verstorbenen Kinder.
Stein und Stahl sind seit rund vier Jahrzehnten das Material, mit dem Wolfgang Schlieker, seines Zeichens Floristikmeister, philosophische Gedanken umsetzt. Dabei setzt der Künstler häufig auf die Kinetik, die den Werken eine Eigendynamik verleiht.
Das Zusammenspiel mit der Natur, der Luft, ist es, das ihn immer wieder begeistert. "Diese unkoordiniert verlaufenden Schwingungen folgen keiner Vorgabe, sind ein Beleg für Chaos", sinniert er. Deshalb ist es um manch ein Werk eigentlich schade, das in den windstillen Gewächshäusern steht die eigentlich grüne Skulpturenhalle heißen müssten. Zwischen Palmen schwebt dort "Cosmos 1", der Ideenlieferant für die Sternenkinder-Skulptur.
Anderswo lockt ein Mund aus rotem Granit, daneben umschließen eiserne Fesseln eine Stele aus rauem Granit. Sechs weiße Granitstücke schwingen an schmalen Edelstahlträgern, warten auf die Nummer 7. Dann ist die Familie komplett, der Käufer zufrieden und das Werk kann umziehen.
Was Wolfgang Schlieker nicht immer recht ist. Er braucht seine Kunst wie die Blumen, sieht beides im Dialog. Das war schon immer so, erzählt er. Wenn er bei Exkursionen mit der Floristenmeisterklasse Parks besuchte, zogen ihn stets auch die Skulpturen dort in ihren Bann. Eine Faszination, die ihn immer begleitet.